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(Über) Leben am Land - Was sagen die jungen Leute?

Von Gemeinschaften, Zusammenhalt und Perspektiven

Über das Leben am Land macht sich manch einer aus der Stadt schon mal lustig. Wenige Perspektiven, eingeschränkt in der Mobilität und Langeweile sind die Vorurteile. Wenn sie nur wüssten, welche Vorteile sich für die Menschen in den Ortschaften, Gemeinden und Dörfern noch verbergen.

Das Leben am Land wird im Vergleich zur Stadt oft als uncool, unpraktisch und ohne Chancen gesehen. Ein Vorurteil. Katrin, 21, arbeitet in einem Reisebüro in der Obersteiermark und kann das kaum nachvollziehen. „Ich bin auf einem Bauernhof in einem kleinen Dorf mit 500 EinwohnerInnen in Oberösterreich aufgewachsen und wohne auch dort. Wir bieten Gästezimmer an und mein Plan ist es, in ein paar Jahren den Hof zu übernehmen.“

Anders geht es der knapp 17-jährige Tiroler Thomas an. Er quält sich derzeit durch das Gymnasium, sucht aber eine Lehrstelle, die nichts mit Tourismus zu tun hat und für ihn gut erreichbar ist: „Das Angebot ist ohnehin schon recht knapp. Finanziell ist nur ein Moped drinnen, also bin ich bei längeren Strecken auf Bus und Bahn angewiesen.“ Innsbruck ist zwei Stunden von seinem Wohnort entfernt. Ein Umzug kommt für Thomas trotz seiner derzeitigen Situation und auch in Zukunft nicht in Frage. „Hier sind meine Freunde, hier bin ich verankert, hier will ich leben.“

Stadt? Wenn, dann nur kurz! Die Stadt ist weder für Katrin noch für Thomas eine Option. „Für ein Jahr wäre es schon cool, auf Dauer aber nicht. Ich brauche Berge, wo ich am Abend rauflaufen oder in der Früh Skifahren gehen kann. Ich bin naturverbunden, wie viele auch in meinem Umkreis“, meint Katrin. Thomas ist nicht ganz so sportlich, schätzt aber neben seinem sozialen Umfeld die Ruhe. „Ein paar Minuten spazieren, schon lässt man sogar den Verkehrslärm hinter sich.“

Damit schwimmen beide gegen den Strom. Vor allem die Jüngeren zieht es von den ländlichen Regionen vermehrt in die Ballungsräume, die sich auch um die Städte erstrecken. Die Motive sind vielfältig. Ob Ausbildung, Studium, bessere Jobchancen oder einfach die Suche nach bezahlbarem Wohnraum: Die Regionen um die Landeshauptstädte ziehen die jungen Menschen an.

Verwurzelt. Wie die ansässigen Menschen sind es oftmals traditionelle, alteingesessene Betriebe, die das Rückgrat der Gemeinschaft bilden. Dafür verwaisen oftmals die Zentren von Dörfern und kleineren Städten. Postfilialen, kleine Läden und Bankfilialen verschwinden, da sich das Offenhalten kaum mehr rentiert. Thomas fühlt sich davon kaum beeinträchtigt, ist aber kritisch: „Ich erledige das meiste online, aber ich scheiterte daran, meiner Großmutter das E-Banking zu erklären.“ Für Ältere wird das Leben schwieriger gemacht.

Mobil sein ist das Um und Auf. Obwohl es für kleine Anwendungen reicht, eines wünscht sich Thomas sehnlichst: „Das Internet gehört vernünftig ausgebaut.“ Die Struktur ist zwar da, aber an Bandbreite mangelt es. „Am Wochenende streamen gleicht Stop-and-Go-Fernsehen.“ Das Problem ist, dass die Netzanbieter bei Investitionen in den Netzausbau die Städte bevorzugen. Inzwischen zählt Österreich beim Glasfaserausbau in Europa zu den Schlusslichtern.

Unterwegs – auf zwei oder vier Rädern. Neben dem Internet ist ein motorisierter fahrbarer Untersatz essenziell und lebenswichtig. Dazu Katrin: „Ich wohne auf einem Berg, zwei Kilometer von einem Bus entfernt. So früh es ging, hatte ich ein Moped und später das Auto.“ Thomas sehnt sich nach einem Auto, das er als Grundlage für seine Zukunft sieht: „Erst dann macht es Sinn, sich für die Lehrstellen zu bewerben, die mich interessieren und weiter weg sind.“ Ein Ausbau des öffentlichen Verkehrs oder innovative Mobilitätskonzepte können den ländlichen Raum nur stärken.

Wünsch dir was? – Plane das! Genaue Vorstellungen sind am Land wichtig. „Das beginnt schon mit etwas Banalem wie einem Einkaufszettel“, wie Katrin erzählt: „Wenn etwas vergessen wurde, hat man’s einfach nicht.“ Besonders bei der Wahl der Ausbildung ist die Planung der Zukunft wichtig.

Die Frage „Wie geht es weiter?“ stellt sich allen Jugendlichen im Alter von 15 Jahren. Am Land kommt aber dazu: „Wo geht es weiter?“ Für Thomas sind die finanziellen und organisatorischen Hürden für seine Wunschausbildung noch zu hoch, die Wege zu weit. „Ich habe damals schon genau gewusst, dass ich den Hof übernehmen will“, sagt Katrin, also wurde die passende HBLA gesucht. Die war zwar drei Stunden entfernt, bot aber die Möglichkeit des Internats.

Wo ist der Job? Geduld ist bei der Jobsuche notwendig. Katrin arbeitete nach der Matura zu Hause mit und schrieb Bewerbungen. „Sogar für Jobs in Linz, was zwei Stunden Wegzeit pro Tag bedeutet hätte.“ Als sie die Zusage für ihren jetzigen Job bekam, zögerte sie keine Sekunde. An jedem Arbeitstag sitzt sie jeden Tag eine Stunde im Auto. „Das ist okay, weil ich gerne fahre. Außerdem habe ich eine coole Chefin.“ Was die berufliche Zukunft angeht, so finden sich in fast jeder Gegend „Hidden Champions“, innovative Unternehmen, die auf ihren Standort und die Menschen in der Region setzen. Starkes wirtschaftliches Wachstum kennzeichnet dabei die Regionen um die Hauptverkehrsachsen.

Keine Stubenhocker. Entfernungen spielen auch in der Freizeit eine große Rolle. „Wenn ich mich mit Leuten treffe, dann entweder im Ort oder gar nicht“, meint Thomas, der bei seinem Vater lebt. „Ich möchte ihn nicht mit Taxidiensten nerven.“ In die Bresche springt manchmal die Mutter eines guten Freundes. „Wenn wir zu zweit stranden, dann hilft sie uns.“ Ähnlich ist es bei Katrin: „Es gibt in der Nähe Locations, wo man hingeht, aber die sind rund zehn Minuten mit dem Auto entfernt.“ Wenn keiner nüchtern geblieben ist, kann sie auf ihre Eltern zählen: „Sogar jetzt noch. Man schaut auf den anderen und darauf, dass niemandem etwas geschieht.“ Schlimmstenfalls heißt es, nach Hause gehen. Zumindest einen Vorteil hat das: „Man kommt nüchtern zu Hause an.“

Abseits? Von wegen! Einiges ist am Land nicht ums Eck gelegen, aber Auto und Internet lassen Entfernungen schrumpfen. Beides bringt die Welt zu einem oder einen in die Welt hinaus. Junge Menschen, die zur Ausbildung in einen urbanen Raum wechseln müssen, haben die Bereitschaft wieder zurückzukehren, jedoch muss das Angebot passen: Wenn es nicht gelingt, leistbaren Wohnraum, schnelles Internet und tragfähige und leistbare Mobilitätskonzepte zu entwerfen, werden die Ballungsräume weiterhin wachsen und den ländlichen Raum schwächen.

In zwei Bereichen werden ländliche Regionen und Dörfer aber immer die Nase vorne haben: Natur und sozialer Zusammenhalt, ob familiär oder in der Gemeinschaft. Man kennt sich, neckt sich, streitet sich, liebt sich. Man ist stärker in Vereinen organisiert und schafft gemeinsam mehr. Über die Grenzen hinausdenken und gemeinsam lokal handeln – das zeichnet das Leben am Land aus.

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